Learnings in Zeiten der Pandemie

Vor einigen Wochen erzählte mir meine 8 jährige von ihrem Traum, der sie in der Nacht geweckt hatte: Wir waren in einem nahen Shopping Center und während sie noch länger im Geschäft schaute, warteten meine große Tochter und ich vorne am Eingang. Als sie raus kam sah sie, dass wir keine Masken trugen. Sie fragte uns warum das so wäre. Plötzlich fiel ihr auf, dass niemand außer ihr eine Maske trug. Sie meinte, wir hätten sie verständnislos angesehen und gefragt, was sie meint. Welche Maske? Und sie meinte: Na ja, wegen Corona. Meine große Tochter und ich hätten sie angesehen und gefragt: Was ist Corona?….
Dann ist sie aufgewacht.

Das ist der Traum eines 8 jährigen Kindes, das seit es in der ersten Klasse Volksschule ist, im Alltag mit einer Pandemie zu tun hat. Ich finde das gruselig, aber dass sie davon Schaden genommen hat, denke ich nicht.

Ich bin eher der pragmatische Typ, denn wir kommen ohnehin nicht aus. Ob man nun da sitzt und die schrecklichen Zeiten beklagt oder versucht sich bestmöglich damit zu arrangieren, liegt letztlich an einem Selbst und hat eine Menge damit zu tun, wie man durch diese Zeit kommt. Klar ist es mühsam, blöd…und geht mir auf die Nerven. Auch wir waren positiv und lange in Quarantäne. Man ist frustriert, aber in der heutigen Zeit lernt man kaum noch sich mit Situationen abzufinden, weil man ständig optimiert. Weil in unserer Welt, alles was man will, jetzt sofort, möglich sein muss. Ist das nicht auch ein absurder Zugang, den es gut tat, mal zu hinterfragen?

Das Positive an der neuen Situation, ist natürlich sehr individuell und jeder muss das für sich definieren. Bei mir war es ganz klar ein Perspektivenwechsel. Ich war gezwungen von der total gestressten Working-Mum zum total stressigen Home-Office mit Home-Schooling zu wechseln mit dem Fazit, dass mir aufgefallen ist, das egal wie viel Input ich zu Hause für die Firma leiste, die Zahlen kaum Regung zeigten, während meine Bemühungen für die Kids Früchte trugen. Mehr Zeit mit ihnen zu lesen, mehr Nerven um Vokabel abzufragen, mehr Energie um mit ihnen kleine Abenteuer in der Natur zu erleben oder Brettspiele zu spielen. Sie haben Lieder komponiert, Tänze einstudiert, wir haben neue liebevolle Rituale erfunden. Es hat unsere Beziehung auf eine ganz andere Ebene gebracht.  Ich habe von vielen Leuten gehört, denen es ähnlich ging und die diese Zeit mit den Kindern als sehr intensiv und positiv erlebt haben (auch wenn man natürlich bei so viel gemeinsamer Zeit auch mehr Reibungspunkte hat, keine Frage). Resultiert hat alles in einer Scheidung und einer Bildungskarenz. Beides hat mein Leben völlig verändert und ist nicht zuletzt aufgrund der Pandemie vorangetrieben worden (dazu aber ein andermal).

Fakt ist: Man entwickelt ein neues Selbstverständnis. Dabei geht es nicht darum das etwas besser oder schlechter ist als vor der Pandemie. Sondern einfach anders. Ich bin zum Beispiel nicht der Meinung (wie ein ehemaliger Kollege), dass das Testen für die Kinder belastend ist. Meine Erfahrung dazu sieht völlig anders aus: für die Kids gehört es zum Schulalltag. Einmal hab ich gefragt, ob sie diese Woche einen Test gehabt hätten und die Antwort war „Mama, wir testen 3x in der Woche“. Ich hatte aber Mathe oder Deutsch gemeint, nicht den Coronatest. –So unterschiedlich sind unsere Zugänge.
Auch das Tragen der Maske. Während ich noch manchmal „vergesse“, erinnern mich meine Kinder daran und seien wir mal ehrlich, in der U-Bahn bin ich froh darum. Keine Verkühlung im gesamten Winter 2020…das hat doch was.

Natürlich gibt es auch viele Negativbeispiele und Enttäuschungen, die Corona mit sich bringt und bereits gebracht hat. Abgesagte Geburtstagsfeiern, annullierte Oma Besuche, deutlich weniger Unternehmungen, kaum Kontakt mit den Freunden und Schulkollegen.


Aber wollen wir wieder das halb volle Glas betrachten:

Im Gegensatz zum Beginn der Pandemie, wo man bei einer Inzidenz von 50 schon panisch Hamsterkäufe getätigt und jeden Kontakt abgebrochen hat, ist man eineinhalb Jahre später schon viel cooler. Wobei man natürlich dazu sagen muss, dass uns auch ganz andere Mittel zur Verfügung stehen. Damals konnte man nicht testen und jeder war potentiell gefährlich. Heute kann man mit PCR und Wohnzimmertests auch mal ein Playdate im Lockdown vereinbaren. Ganz so einsam wie die ersten Lockdowns ist der vierte nun nicht mehr und das trotz der viel ansteckenderen Delta Variante.

Wie auch immer. Was ich sagen möchte ist, dass wir mit der Zeit gehen (müssen) und sich gar nicht die Frage stellt, ob wir das wollen oder gut finden und wie sehr wir unsere Kinder bedauern (oder uns selbst). Es hilft, sich wie ein Chamäleon an neue Gegebenheiten anzupassen, so gut es uns möglich ist. Dagegen zu sein (Testverweigerer, Impfgegner) oder grantig zu sein, bringt einen nicht weiter, sondern lässt einen in Angst, Frust und Depression versinken. Die Evolution zeigt uns, dass der überlebt, der sich anpasst. Das können wir mit großem Murren und Gejammere tun oder einfach den nächsten Schritt gehen.
Dem Virus wird es egal sein, wie unsere Stimmung dazu ist. Bevor wir nicht zusammenstehen und es mit allen Mitteln (ja, Impfung) bekämpfen, werden wir weiter unsere Learnings machen, die wir aus Kontaktreduzierung und Konsum-Lockdowns ziehen können. Vielleicht gibt’s da ja noch vieles zu lernen und wir kommen  nach dem 56. Lockdown drauf, dass wir als Eremiten die nicht arbeiten, niemanden treffen und auch nichts brauchen am besten dran sind.

Aber vielleicht eben auch nicht.