Der Preis spricht für sich (und er sagt: du bist ein ignorantes Arschloch!)

Am Weg zum Drogeriemarkt kam ich kürzlich bei einer KIK Filiale vorbei. Vor dem Eingang steht ein Kleiderständer mit T-Shirts, die um 1, 79 EUR angepriesen werden. Darüber ein Schild: Der Preis spricht für sich.
Unfassbar genug, dass eine Firma Shirts um diesen Preis anbietet, aber das Schild, der Preis würde für sich sprechen ist an Zynismus kaum zu überbieten. Denn ja, der Spruch stimmt zu hundert Prozent und das auf die grausamste Art und Weise.

Er sagt aus, dass die Firma selbst und jeder einzelne Kunde, der so ein Shirt kauft, darauf pfeift unter welchen Umständen MENSCHEN in diesen Fabriken arbeiten. Die ArbeiterInnen können von dem knausrigen Lohn ihre Familien (trotz eines 10-12 Stunden Tages oft sogar 6 Tage die Woche) nicht ernähren.
Ist das Kik Kunden wirklich egal? Auf welche Art kann man diese Fakten ausblenden, denn ja, der Preis spricht für sich und deklariert jeden Kunden als charakterloses Arschloch. (Sorry, not Sorry).

Blut an den Händen
Wer von uns würde das für sich und seine Kinder wollen? Man stelle sich vor, die Tochter wird sobald sie 14 ist von der Schule genommen um für die Familie mitzuverdienen. Nicht, weil man als Papa oder Mama ein ignoranter Depp ist und seinen Kindern kein Fortkommen gönnt. Nein, es geht darum zu überleben. Schlicht und ergreifend. Wobei das mit dem Überleben ist auch so eine Sache. Denn ungeschützte Arbeit mit gefährlichen Chemikalien steht in diesen Fabriken an der Tagesordnung. So wie die Produktion bei uns „hipper“ Jeanswaschungen, die jedes Jahr einer Menge Menschen das Leben kosten, nur damit unser westlicher Hintern durch die optimale Waschung ein hübsches „shaping“ erhält und die Hose „used“ aussieht. Wie krank ist das, wenn man mit seinem Look Leute tatsächlich krank macht?

Die „Langzeitfolgen“ (Anführungszeichen deshalb, weil all zu lange braucht man in diesem Beruf nicht zu arbeiten um an Silikose zu sterben) interessieren hierzulande kaum jemanden. Es gibt dann vereinzelt Katastrophen, die uns ahhs und oohs entlocken. Wie der Brand einer Textilfabrik in Pakistan (258 Tote, 2012) oder der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh 2013, der 1136 ArbeiterInnen das Leben gekostet hat, weil man sie trotz Rissen in den Mauern zum weiterarbeiten zwang. Das waren zusammen fast so viele Todesopfer wie beim Untergang der Titanic, aber während darüber noch immer alle Welt spricht und Oscar-prämierte Filme produziert werden, redet schon heute niemand mehr über das Schicksal der FabriksarbeiterInnen (und auch nicht über jenes der 2400 teils Schwerverletzten, die bis heute an den Folgen leiden).

Wem die Menschen egal sind, wie steht es dann mit der Umwelt?
Wer so kaltblütig ist und mit Kommentaren wie „wenn sie diese Arbeit nicht hätten, hätten sie gar keine“ argumentiert und sich dadurch vielleicht sogar als Samariter fühlt, dem sei gesagt, dass der Preis, den KIK „für sich sprechen“ lässt auch massive ökologische Probleme verursacht. Durch die Textilindustrie werden jährlich mehr als 1,2 Billionen Tonnen CO2 freigesetzt. Das ist mehr als der Schiff- und Flugverkehr eines Jahres zusammen verbricht. Nicht zu vergessen: Billige Polyesterkleidung fasert beim Waschen und sorgt alleine in Österreich jährlich für 126 Mio. Tonnen reines Mikroplastik in unserem Abwasser.
ABER zum Glück ist der Strohhalm, der im 8,- EUR teuren Bubble-Tea steckt, den man während der Billig-Shopping-Tour schlürft, aus Papier und man hat ja auch seine Stofftasche mitgebracht um die neuen Trends ökologisch zu verstauen (und sich die 30 cent für eine Papiertasche zu ersparen).
Wenn man dann noch mit dem Elektro-Auto zum Fachmarktzentrum fährt, braucht sich sowieso keiner mehr aufregen. Die Etikette man sei ÖKO hat man damit schon erreicht. Dass die Mode, die hier verkauft wird, aus Ländern stammt, in denen die Fabriken auf Kohlekraftwerke angewiesen sind, darüber reden wir bitte nicht.

Ist preiswert den Preis wert?
Was ich damit sagen will: So vieles ist in unserer westlichen Welt viel zu kurz gedacht. Viel zu sehr denken wir, wir würden ein Recht dazu haben permanent neue Klamotten billig zu kaufen und diese dann (40%!) wenig oder sogar nie zu tragen. (Studie Greenpeace s.u.). Die Unternehmen, die diese Art Mode verkaufen, erleben in den letzten Jahren einen unfassbaren Boom und produzieren mehr Fast Fashion denn je, was an der hohen Nachfrage liegt. Dabei wäre dringend ein Umdenken gefragt. Jeder, der diese Ware kauft, macht sich mitschuldig an einem missbräuchlichen System moderner Sklaverei und outet sich als Umwelt-Ignorant.

Denn der Preis spricht bereits für sich.
Er schreit eigentlich.
Er schreit: „Hey, ich beute Menschen aus, mir sind deren Lebensbedingungen völlig egal und auch die Art, wie die Rohstoffe dafür hergestellt und die Produkte wieder entsorgt werden. Ich interessiere mich nicht für Morgen. Hauptsache, ich bin heute modisch gekleidet und kann das Teil morgen in den Müll werfen, weil es eh so billig war, dass es mir nichts bedeutet. Ich scheiße auf Integrität und Nachhaltigkeit. Ich stehe dazu ein Ausbeuter zu sein.“

Diesen Preis sollte es uns niemals wert sein. Egal wie billig es ist.


Links & Quellen

https://www.heise.de/tp/features/Ausbeutung-in-der-Textilindustrie-Preiskampf-auf-Kosten-der-Arbeiterinnen-6127616.html

https://www.zeit.de/zeit-magazin/mode-design/2019-01/fast-fashion-kik-fabrikbrand-pakistan-textilbuendnis?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

https://www.tagblatt.ch/panorama/boese-jeans-gute-jeans-eins-der-schaedlichsten-produkte-was-hinter-der-herstellung-von-jeans-steckt-ld.931025

https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/268127/vor-fuenf-jahren-textilfabrik-rana-plaza-in-bangladesch-eingestuerzt/

https://www.zentrum-der-gesundheit.de/bibliothek/umwelt/klima/fast-fashion-zerstoert-unsere-umwelt

https://www.sueddeutsche.de/stil/kleidung-fuenf-tipps-gegen-den-textil-wahnsinn-1.2757834

https://www.stern.de/wirtschaft/news/kinderarbeit-in-bangladesch–wie-kinder-fuer-den-westen-schuften-7229030.html

https://www.dw.com/de/fabrikbrand-in-pakistan-textildiscounter-vor-gericht/a-46503558

https://science.orf.at/v2/stories/2986672/#:~:text=Polyester%20geh%C3%B6rt%20zu%20den%20beliebtesten,landen%20als%20Mikroplastik%20im%20Ozean.