Qual der Schulwahl

Mädchen mit Zahnlücke am ersten Schultag umarmt ihre Schultüte

Am Land steht eigentlich außer Frage, wohin der erste Schulweg führt. -In die Volksschule der eigenen Gemeinde natürlich. 

Das ist in der Großstadt schon etwas kniffliger. Hier hat man schließlich die Qual der Wahl. Und hey, als richtig gute Mutter muss man sich darüber natürlich eine ganze Menge Gedanken machen…schließlich ist nur das Allerbeste gut genug. -Oder etwa nicht?! 

Für ganz Ambitionierte kommt natürlich nur eine Privatschule in Frage, davon gibt’s in Wien jedenfalls genug. Von der katholischen Privatschule bis zur internationalen Schule, wo man schon als Kind Kontakte zu Diplomatenfamilien knüpfen kann…die Bandbreite ist enorm. Oder haltet mans eher alternativ? -Dann wäre vielleicht eine Waldorf Schule oder das Montessori Modell treffender. 

Ich bleibe mal am Boden der Tatsachen…denn einige hundert oder sogar über tausend Euro monatlich bereits in die Volksschulbildung zu investieren, klingt für mein Budget und meine ländlich geprägten Ohren etwas abgehoben. Na klar, wenn Geld keine Rolle spielen würde, wäre die Verlockung groß, den privilegierten Weg schon mal etwas „aufzubereiten“. Andererseits finde ich es nicht weiter schlimm, ja sogar durchaus vorteilhaft, dem Kind die ersten Schuljahre in einem normalen Umfeld zuzugestehen. Da trifft das Kind zwar nicht auf Schuluniformen oder Ralph Lauren & La Coste gestylte Oberschicht-Familiensprösslinge, dafür aber auf die echte Welt da draußen. Auf Kinder unterschiedlichster Herkunft und verschiedenster Gesellschafts-Schichten. Es hilft vielleicht, die Wurzeln etwas breiter zu schlagen, als in dem eigenen Mikrokosmos, in dem man als Erwachsener ohnehin automatisch landet. Denn wenn man sich seinen eigenen Freundeskreis mal so durchdenkt, bleibt man doch dort hängen, wo man sich selbst zugehörig fühlt. Ich meine, wie oft geht die Mami aus der Reinigungfirma mit der Mami aus dem Vorstandsetage auf einen Café? Da kann es doch helfen, zumindest bis zum Alter von 10 Jahren nicht schon in der selben Schiene wie die Eltern zu laufen um etwas Realitätsbezug zu entwickeln.

Ganz gleich….eigentlich wollte ich über die Entscheidungsvielfalt schreiben und die gibts im großen Stil, auch wenn man sich auf öffentliche Volksschulen beschränkt. Da wäre zum Beispiel die Ganztagstagsschul – oder nicht-Ganztagsschul-Frage. Und: was tun, wenn man sein Kind nicht von vorne herein den ganzen Tag „binden“ will, aber die eigene Arbeitszeit sich nicht mit den doch sehr kurzen Unterrichtszeiten vereinbaren lässt? Die  „offene Schule“, bietet Nachmittagsbetreuung ohne Verpflichtung. Alternativ kann man auch einen Hort mit der flexiblen Nachmittagsbetreuung betrauen, der wiederum möglichst nahe an der Schule liegen soll…denn so kleine Knirpse schon allein durch die Wiener Straßen zu schicken, kann sich für Eltern ganz schön gruslig anfühlen.

Damit wärs aber auch noch nicht getan….denn es gibt auch noch die Schwerpunkt-Entscheidung: Überlegen wir mal ob Sport, Kreatives oder Musik dem Kind eher liegen. Vielleicht zählt auch eigentlich viel mehr, welchen Schwerpunkt die meisten Freunde des Kindes ausgewählt haben….oder welcher Klassenlehrer sympathischer wirkt. Wegen einer Schwerpunktstunde auf oder ab….spielt das denn wirklich eine Rolle? Jetzt schon?

Fest steht, es ist deutlich komplizierter geworden. Die Wahl zu haben ist Segen und Fluch zugleich. Denn wer riskiert schon gerne eine „falsche“ Entscheidung zu treffen?

Im Prinzip verhält es sich in diesem Fall gleich, wie in so vielen Bereichen der neuen Welt: Wenn man in den 80ern in einem Lebensmittelmarkt war, gabs die Frage ob Joghurt mit oder ohne Frucht.
Jetzt wählt man zwischen Naturjoghurt, fettreduziertem und gleich 20 Geschmackssorten. Hinzu kommt die Wahl: laktosefrei, biologisch oder konventionell, links- oder rechtsdrehend, von der Kuh- vom Schaf oder der Ziege, Un-/Fairtrade, Marke oder Handelsmarke, aus einer inländischen oder ausländischen Molkerei, im Glas oder Kartonverpackung oder doch das „böse“ Plastik?! Effekt ist, dass man völlig überfordert vor dem Regal steht, eine Entscheidung trifft und am Ende draufkommt, dass die Werbung einem erfolgreich vorgegaukelt hat, man hätte das „Beste“ Produkt gewählt. Unterm Strich stimmt dann die CO2 Bilanz nicht oder man hat das AMA Gütesiegel mit einem Biosiegel verwechselt, die Molkerei handelt die Bauern in den Konkurs….irgendwas gibts immer zu mäkeln. 

Was ich damit sagen will: Manchmal täte etwas weniger Auswahl ganz gut. -Nicht nur beim Joghurt.

Meine Tochter geht nun übrigens in die öffentliche Volksschule um die Ecke. Was mich zu der Entscheidung bewogen hat?! Wir schlafen gerne. Und ich glaube, es bringt meinem Kind (und nebenbei der ganzen Familie) mehr, länger zu schlafen und später aus dem Haus zu gehen, als entnervt und gestresst durch die halbe Stadt zu rennen, damit man rechtzeitig in eine Schule marschiert, die in irgendeinem Ranking besonders gut bewertet ist.