Rollenbild-„Entimpfung“ bitte!

Manchmal ertappt man sich selbst dabei Vorurteile zu haben. Oder einfach eingeimpfte Rollenbilder von denen man sich bisher nicht so richtig lösen konnte. Auch, wenn man das von sich selbst glaubt.
Ich erinnere mich daran, wie schockiert ich vor einiger Zeit war, als meine Großmutter, geboren 1925, eines Tages meinte, das, was die Ärztin zu ihr gesagt hätte, könne nicht richtig sein, denn nur einem „richtigen“ Arzt (sprich einem Mann) sei ein entsprechendes Urteil zuzutrauen. -Natürlich habe ich heftig widersprochen.
Detto meine aussichtslose Diskussion mit ihr, einer Frau sei keine Priesterrolle zuzutrauen. -So lächerlich absurd & überkatholisch das der heutigen Frauengeneration erscheinen mag, so völlig logisch scheint es für die Damen ihrer Zeit zu sein.

Und dann das: Ich sitze im Flugzeug. Lausche der Stimme der Flugbegleiterin, die in nuschelndem Pornohotlinegesäusel die Sicherheitsbestimmungen durchgibt und kurz danach meldet sich eine -zugegeben etwas patentere Frauenstimme- aus dem Cockpit: „Guten Tag, mein Name ist Isabella xy. Ich bin heute ihr Kapitän.“ Wumms. Total erwischt.
Ja, so hinterwäldlerisch bin ich. -Unfassbar.
Nicht, dass ich einer Frau je absprechen würde ein Flugzeug fliegen zu können. -Nein, das würde niemand klaren Verstandes heutzutage tun. -Aber: Ich hatte nicht damit gerechnet. Und allein das hat mich kalt erwischt. Ich meine, ich war mindestens so schockiert davon, dass mich Frau Kapitän so überrascht hat, wie seinerzeit von der „Nur ein männlicher Arzt ist ein guter Arzt“-Aussage meiner Oma.
Woher kommt diese Überraschung? Wie sehr haben die Rollenbilder meiner Kindheit meinen Verstand verkrustet, dass mich so etwas überhaupt aufhorchen lassen kann?

Ich hab den ganzen Flug drüber nachgedacht, so geärgert hab ich mich über diesen kurzen Moment des ungewollten Erstaunens.
Meine Mädchen werden das ganz anders wahrnehmen, hab ich mir gesagt. Sie wachsen mit Polizistinnen, Busfahrerinnen, Pilotinnen und Ärztinnen auf. Sie bekommen mit, dass Männer und Frauen im selben Beruf gibt. Gute und schlechte. Und dass es nichts mit dem Geschlecht zu tun hat, was man sein kann und wie weit man kommen kann.
-Aber ist das auch wirklich so? Es gibt noch immer Metiers in denen Frauen kaum vorkommen. -Oder eben ausschließlich.
Im Supermarkt um die Ecke hab ich noch nie einen Mann an der Kasse sitzen sehen. Der Mülltrupp, der an 2 Tagen die Woche zu uns kommt besteht nur aus Männern. Und dort, wo unsere ganze Familie zum Friseur geht: nur Frauen. Ebenso in der Drogerie, die wir meistens besuchen oder umgekehrt das Schwimmbad, in dem die Bademeister wieder rein männlich sind (das Reinigungspersonal hingegen wieder rein weiblich ist). Von echter Durchmischung sind wir jedenfalls noch weit entfernt. Und paradox ist ja auch: WENN denn ein Mann arbeitend in einem verstärkt weiblich besetzten Beruf anzutreffen ist, dann handelt es sich nicht selten um den Chef himself. Wahnsinn. 20 Frauen und 1 Typ im Laden und wer ist der Chef?! Da reicht einmal raten aus…

Wie auch immer. Ich hab mir was vorgenommen. Nämlich, meinen Töchtern einzubleuen, dass sie alles werden können. Aber nicht in der „wir können das auch“ Manier. Genau dieses auch ist eigentlich der springende Punkt. Schon alleine das ist diskriminierend. Und ebenso dieses obwohl. Es muss heißen bloß so: Weil wir es können und wollen.

 

Foto: Caro Strasnik