Das Barbie Trauma

Als ich klein war, wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine Barbie. –Ja genau, jene dünne, blonde Tussi-Puppe mit riesen Möpsen und Wahnsinns-Beinen. Genau diese, die von Kinderpsychologen und Feministinnen als unrealistisches, kleine-Mädchen-schädigendes Spielzeug verachtet wird.

Vielleicht hat meine Mutter auch befunden, mich vor irgendetwas schützen zu wollen. Jedenfalls dauerte es ewig, bis ich eine unterm Weihnachtsbaum vorfand. Und dann war es nicht mal Barbie herself, sondern irgendeine billige Kopie. Braunhaarig, blass und flachbrüstig. Ich entschied mich damals, sie trotzdem zu mögen. Immerhin hatte meine Mutter ein traumhaftes Ballkleid für das Püppchen geschneidert. Genau aus demselben Stoff aus dem ihr eigenes war. Somit war meine Fake-Barbie für mich mindestens genauso liebenswert geworden und ich fand mich vom Barbie-Glitzerkleid-Glamour beflügelt bei meinen Freundinnen ein (die schon eine ganze Barbie Armee besaßen).

Es dauerte keine 2 Sekunden (genausolange wurde meine Barbie von oben bis unten von meinen Mitspielerinnen taxiert), dann folgte die klare Ansage: „Das ist keine echte Barbie, mit der kannst du nicht mitspielen!“

Nicht der gängigen Barbie-Norm zu entsprechen war also auch als Kind bereits Grund genug um diskriminiert zu werden. –Und Kinder sind hierbei auf keinen Fall „politically correct“. Da gab’s keine Quote für braunhaarige-Flachbrust-Barbies. Die wurden ganz ohne Wenn und Aber ausgegrenzt und von der wirklich & wahrhaftigen Barbiefraktion als untauglich abgestempelt. –Umstyling mittels Glitzerballkleid zwecklos.

Als ich vor kurzem zum Geburtstag meiner Tochter das Barbie-Regal inspizierte, war ich ganz schön platt: in 25 Jahren hat sich in der Barbie-Welt einiges getan.

Es gibt dunkelhäutige Barbies, braunhaarige Barbies, rothaarige Fisch-Schwanz-Barbies und Barbies mit etwas mehr und etwas weniger Glitzer. Geeint werden sie nach wie vor von der einwandfreien Figur, stehenden Brüsten, Wespentaille und sexy Hüften. Vorgeformten 12 cm High-Heel-Füßen und perfektem Permanent-Make-Up. Und der Anständigkeit halber: Barbie trägt jetzt ein Höschen. Damit kein Kind  auf dumme Gedanken kommt, hat man dieses zur Sicherheit gleich aufgestanzt.

Nur: die dicke Barbie gibt’s noch immer nicht. Ja, in Zeitungsartikeln vielleicht. -Als Sonderedition. Aber suchen Sie die mal im Spielzeugladen.
Für mich persönlich ist das kein Aufreger. Wer spielt schon gerne mit der Realität? (Wenn Jungs lieber zum Porsche Matchbox-Auto als zum Fiat-Equivalent greifen, haben schließlich auch alle Verständnis.)

Warum eigentlich immer alle auf Barbies Äußerlichkeiten rumhacken, verstehe ich bis heute nicht. In der modernen Kinder-Welt gibt’s ganz andere, viel schlimmere Dinge, die uns weit mehr ärgern müssten als Barbies surreale Figur.

Erst kürzlich habe ich eine neu aufgenommene Kasperl-CD gekauft, auf der Gretel als naives, dummes Klischeemädchen herumläuft. –Angewiesen auf den obergescheiten Kasperl, der ihr rosarotes Mädchenfahrrad vom Einbrecher zurückholt indem er diesem zuruft: „Wenn du wüsstest, wie lächerlich du aussiehst, auf dem rosa Mädchenfahrrad.“ Vor lauter Angst schwul auszusehen hat der Einbrecher dann seinen Vorsprung verloren und konnte überführt werden.
Ähm….was ist das denn für eine Botschaft?!

Aber Kinderlieder sind auch nicht viel besser…

Ich zitiere: „Der Malermeister Pinselstrich ist ein braver Mann, sein Eheweib ist fürchterlich und schreit ihn dauernd an…doch dem Malermeister Pinselstrich macht es gar nichts aus,…er malt ein schönes Mädchen sich und stellt es in sein Haus.“ düdeldüüü 

Und was ist die Moral dieser Geschichte? Wenn die Alte nervt, nimm dir eine Neue. -Sehr fortschrittlich.